Die erstaunlichen Einsichten des letzten Konservativen

Maggie Thatcher stellte eine Nation auf den Knien wieder auf die Füße | © marcus_jb1973

von: Ralf Heß

Seit sich der Dax in rasanter Abfahrt der magischen Untergrenze von 5.000 Punkten nähert, steht dem konservativen Lager kollektiver Angstschweiß auf die Stirn geschrieben. Das leise Gefühl, in den vergangenen Jahren irgendwie auf das falsche Pferd gesetzt zu haben, schallt immer lauter durch den konservativen deutschen Blätterwald. Nun zeigt sich für Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, dass seine vor 20 Jahre begonnene Dinnerparty zu einem abrupten Ende kommen könnte. Denn: auch der kapitalistische Westen kann Bankrott gehen. Für die Konservativen wird immer klarer: Wenn in Großbritannien Horden von Jugendlicher die Geschäfte plündern, kann das Gesellschaftssystem nicht so glänzend funktionieren, wie es über Jahre hinweg von ihnen in die Welt hinaus posaunt wurde.

Einzig Jan Fleischhauer, konservativer Kolumnist beim Spiegel, scheint noch die schwarze Fahne vor sich her tragen zu wollen und ein wenig beeindruckend ist es schon, wie er seinen Kollegen im Geiste die Leviten ließt und sich selbst dabei, die Sache einigermaßen schön redet.

Es sei eine Verwechslung, dass an der gegenwärtigen Krise die Konservativen Schuld trügen. Schließlich bestand für diese nie irgend ein Zweifel daran, dass der Mensch ein Mangelwesen sei, welches der eisernen Faust des Gesetzes Bedürfe, um seine niederen Antriebe in Schach zu halten. Im Gegensatz zur Linken käme ein Konservativer nie auf die fragwürdige Idee, die Internalisierung moralischer Schranken durch Einsicht ersetzen zu wollen.

Für Fleischhauer stand am Beginn der Krise daher auch nicht der Konservativismus. Vielmehr war es die Vorstellung, die Gesellschaft und die Wirtschaft könnten sich selbst regulieren. Allein die Annahme, die derzeitige Vertrauenskrise sei eine Folge der enthemmten Finanzökonomie, wäre von der Wahrheit weiter entfernt, als alles andere. Für Fleischhauer war es das in den Regierungszentralen orchestrierte Leben auf Pump, das die Grundlagen soliden Wirtschaftens korrumpierte und damit die Kreditwirtschaft an den Rand des Abgrunds geführt habe. So sei die Reihenfolge, nicht umgekehrt. Nicht die Konservativen, vielmehr die Neoliberalen seien Schuld an der Krise. Nur Neoliberale – und selbstverständlich die Linke – glaubten, die Gesellschaft könne auch ohne staatliche Regulierung funktionieren.

Erstaunlich ist, dass bis zur Erklärung Fleischhauers vielen Linken noch gar nicht bewusst war, dass ihre Gesellschaftsperspektive ohne gesetzliche Regulierungen auskommen sollte. Eine Antwort darauf, wie die seit längerem immer lauter werdende Forderung vieler Linker, nach einer rigiden Regulierung der Finanzmärkte, zu Fleischhauers konservativer Vorstellung über die Linke passt, bleibt er demzufolge auch gezwungenermaßen schuldig. Ebenfalls bleibt er die Antwort darauf schuldig, wie eine immer wieder geforderte Verstaatlichung bestimmter Unternehmen dazu passen soll.

Klar war für viele Linke in den vergangene Jahren allerdings eines. Die Liberalisierung aller Märkte ist zum Schaden eines Großteiles der Weltbevölkerung durchgeführt worden. Klar war und ist ebenfalls, dass es die Konservativen waren, die eben dieser neoliberalen Weltsicht eine allgegenwärtige, vor allem jedoch alleinige Deutungshoheit verschafft haben.

Dementsprechend erstaunlich ist die konservative Lösung, die Fleischhauer anbietet. Vor 30 Jahren sei Großbritannien dort gewesen, wo Griechenland heute sei: eine Nation auf den Knien, geplagt von Rezession, hohen Schulden und Arbeitslosigkeit. Magaret Thatcher sei der Name der Frau, die das Land wieder auf die Beine brachte, und zwar ohne jeden finanziellen Beistand aus Deutschland. Man könne davon einiges lernen.

Zu lernen ist von ihr tatsächlich viel. Denn wie Fleischhauer richtig bemerkt hat, war es in erster Linie die neoliberale Wirtschaftsideologie, die die Finanzmärkte an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat. Die konservative Margaret Thatcher ist für Großbritannien der Beginn eben dieses neoliberalen Experimentes. Konservative und Neoliberale sind die selben geistigen Kinder. Damit erklärt sich auch, was von ihr zu lernen ist. In Großbritannien beispielsweise kann studiert werden, was passiert, wenn sich ein großer Teil der Jugendlichen in perspektivloser Situation wiederfinden. Im Zweifel besorgt man sich den Wunschfernseher eben in einem kollektiven Rauscherlebnis.

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Eingeordnet unter Armut, Elite, Empört euch, FDP, Finanzkrise, Hartz IV, Immobilienkrise, Kapitalakkumulation, Neoliberalismus, Reaganomics, Wirtschaft

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