Wer sind die Empörten?

von: Ralf Heß

Empörte in Spanien | © Ojo Espejo

Der Süden probt die Rebellion. Südlich der Alpen, zwischen Lissabon und Athen tobt ein immer heftiger geführter Aufstand gegen die Regierungen. Die Demonstrationen laufen dabei immer nach dem gleichen Muster ab. Zunächst versammelt sich ein Häufchen unzufriedener auf irgend einem öffentlichen Platz. Wenige Tage darauf liefert sich eine deutlich angeschwollene Menge an Demonstranten immer brutaler werdende Straßenschlachten mit der Polizei. Letztendlich versucht ein Mopp das Parlament zu stürmen, um auf diese Art und Weise die Regierung abzusetzen. Im immer zu heißen Südeuropa probt also eine mit viel zu viel Temperament ausgestattete Gruppe junger und alter, verbeamtete und nicht verbeamteten, selbständiger, angestellter und arbeitsloser Empörter einen immer gleichen Aufstand, gegen immer gleiche Probleme mit immer gleichen Forderungen. Allein der Norden bleibt ruhig und zurückhaltend.

Manch einem ist diese typisch nordeuropäische Gemütshaltung zu wenig revolutionär. Andere dagegen sehen gerade darin den Schlüssel dafür, dass es eben den Süden Europas getroffen hat und nicht den Norden bei dieser Finanzkrise. Aber auf jeden Fall sind sich alle darüber einig, dass sich dieser Aufstand auf den Süden beschränkt und der Norden gelassen daneben steht. Allein, bei genauerem Hinsehen löst sich diese Interpretation sehr schnell in Luft auf.

Interessant ist die soziale Herkunft der Demonstranten. Sie werden die Empörten genannt. Vielfach nennen sie sich auch selbst so. Dieser Ausdruck geht zurück auf ein Pamphlet Stephan Hessels, mit dem Titel empört euch. Offensichtlich zumindest in Südeuropa ein sehr erfolgreiches Werk.

Sowohl in Spanien, als auch in Griechenland beziehen sich immer mehr Menschen auf den Aufruf Hessels. Dabei scheint sich dieser Aufruhr nicht an die üblichen Spielregeln eines Aufstandes zu halten. Es sind nicht, wie bei der französischen Revolution, sogenannte Sansculotten, die sich gegen ihre Herrschaft, den Adel und den Klerus auflehnen. Es sind auch keine Matrosen, die sich gegen Ende des 1. Weltkrieges gegen ihre Offiziere stellen. Auch sind es keine revolutionären Arbeiter, die versuchen, die bislang vom Kapital beherrschten Produktionsmittel unter ihre Kontrolle zu bringen. Dieser Aufruhr kommt aus der Mitte der Gesellschaft und hat auf den ersten Blick keinen klaren Gegner, wie bei den Spielen Kleinbürgertum gegen französischen König oder Matrosen gegen Offiziere.

Vielmehr sind es genau die sozialen Schichten, die eigentlich die Träger dieser Gesellschaft sind. Studenten, die durch ihre überdurchschnittliche Ausbildung ein ebenso überdurchschnittliches Gehalt erwarten können oder konnten. Rentner und Pensionäre, die über einträgliche Bezüge aus ihren Pensionen und Renten verfügen. Daneben Beamte, Menschen also, die bislang den nun attackierten Staat verwalteten und auf dieser Grundlage sehr gut gelebt haben.

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