Wie der Historiker Niall Ferguson zu einem geschichtsvergessenen Neoliberalen wurde

von: Ralf Heß | mit Material von Weissgarnix

Historiker gehen bisweilen gehörig auf die Nerven. Das liegt zum einen darin begründet, dass sie nichts vergessen. Und zum anderen, dass sie am liebsten stundenlang darüber diskutieren. Immer wieder müssen sie daher in Gesprächen erfahren, dass ihre ollen Kamellen inzwischen doch nun wirklich viel zu lange her seien und damit auch schon lange nicht mehr relevant. Der bekannte britische Historiker Niall Ferguson scheint sich dieses Problems nur all zu bewusst zu sein. Denn in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ über die Verschuldung der USA offenbart er ein Defizit an historischer Analysefähigkeit, das nur dadurch erklärt werden kann, dass er wohl niemanden mit der ollen Kamellen der Reaganomics belästigen wollte.

Die Regierungen (der USA), so Ferguson in der Zeit, spielten seit nun fast zehn Jahren russisches Roulette mit dem Staatshaushalt. „Es ist eine ziemlich gefährliche Strategie, wenn die gesamte Haushalts- und Fiskalpolitik darauf basiert, riesige Konjunkturpakete zu schnüren, wenn die Gelddruckmaschine der wichtigsten Leitwährung heiß läuft und wenn sich die USA bei den Chinesen immer mehr verschulden“. Amerika habe ein Riesenproblem. Denn die USA seien immer noch die größte Volkswirtschaft, und wenn die ihre Schulden nicht in den Griff bekomme, werde dies viel schlimmere Konsequenzen haben, als wenn Griechenland oder Portugal pleite gingen. Ferguson sieht sich in dieser Angelegenheit als Warnlicht für die Amerikaner. Denn noch könne der Niedergang abgewendet werden. „Aber in zwei Jahren oder sogar noch früher, könnte es zu spät sein“. Allein eine Rückbesinnung auf die guten alten Werte Ronald Reagans könne daher die USA vor dem von ihm prognostizierten Untergang bewahren.

Offensichtlich hat Ferguson für diese Analyse sein historisches Handwerkszeug einmal beiseite gelegt. Denn sonst hätte ihm auffallen müssen, dass seine Lösung des Problems an der Quellenlage vorbei geht. Denn wie alles andere, hat auch die Verschuldung der USA eine entsprechende Vorentwicklung hinter sich. Da Schulden damit also nicht urplötzlich vom Himmel fallen, müssten Statistiken, die die Verschuldung der USA in einen zeitlichen Kontext setzte, aufschlussreiche Informationen liefern. Denn dort müsste sich zumindest ein Zeitpunkt ausmachen lassen, an dem diese Verschuldung angefangen hat.

Im Jahr 1940 beliefen sich die Schulden des US-Staates auf etwa 40 % des amerikanischen BIPs. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Anteil der Schulden am BIP – verständlicherweise – auf etwa 120 % angestiegen. Die folgenden Regierungen reduzierten diesen Anteil bis Mitte der 1970er Jahre wieder auf knapp unter 40%. Das Ende des Bretton-Woods-Systems bedeutete jedoch auch das Ende dieser Haushaltskonsolidierung. Die Zentralbanken der europäischen Staaten kauften keine weiteren Dollars mehr auf und in der Folge mussten sich die US-Regierungen etwas neues einfallen lassen, wie sie ihren Haushalt in der Zukunft ausgleichen konnten.

Eine passende Idee war schnell gefunden. Ronald Reagans Reaganomics traten ihren Siegeszug an. Nach dem Prinzip der „Trickle-Down-Theorie“ sollten die Steuern gesenkt und die sozialen Ausgaben des Staates gekürzt werden. Durch das damit frei werdende Kapital, sollten die Wohlhabenden zu Investitionen angeregt werden. Damit, so die Theorie, sollte ein Teil dieses Wohlstandes in Form von Lohn zu den ärmeren Schichten der Gesellschaft durchsickern. Diese wiederum, würden durch die dadurch fällig werdenden Steuerzahlungen die Einnahmen des Staats erhöhen und die Sozialausgaben weiter senken. So weit die Theorie.

Die Rechnung ging allerdings nicht auf. Die angestrebten Investitionen blieben aus. Das in privater Hand belassene Kapital wurde an die Kapitalmärkte transferiert und eben nicht – wie es theoretisch hätte sollen – dazu benutzt in den USA neue Jobs zu schaffen. Nachdem Reagan die Regierung in Washington übernommen hatte, belief sich die Staatsverschuldung der USA auf 930 Mrd. US-$. Am Ende seiner Amtszeit lagen die Schulden bei 2.600 Mrd. US-$. Der Anteil der Schulden am BIP lag damit zu Beginn seiner Amtszeit bei unter 40 %. An seinem Ende bei etwa 50% des BIPs. Die Politik der Reaganomics hatte den Schuldenberg der USA nominal mehr als Verdoppelt. Die Senkung der Steuern unter Reagan hatte sein Ziel verfehlt. Damit ist auch klar, dass Reagan eben nicht, wie es viele Neoliberale gerne in die Welt hinaus posaunen, der Retter des amerikanischen Haushaltes war. Vielmehr war er der Präsident, der mit einer schuldengetragenen Finanzierung des US-Haushaltes erst richtig begann. Alle folgenden Präsidenten, mit Ausnahme Clintons, folgten dieser Politik. Sie senkten Steuern und Sozialausgaben mit dem Ziel die Konjunktur anzuregen.

Verschuldung der USA im Verhältnis zum BIP

Verschuldung der USA im Verhältnis zum BIP | © Wellenreiter-Invest

Der neoliberalen Wirtschaftstheorie werden viele Dinge vorgeworfen. Ein Vorwurf lautet, dem Neoliberalismus fehle die Zeitkomponente. So ist die erste Rahmenbedingung dieser Theorie, dass alle Wirtschaftssubjekte eine vollständige Voraussicht hätten. Der neoliberale Mensch lebt nur im Hier und jetzt. Alle seine Handlungen werden ausschließlich durch Trieb und Instinkt gelenkt. Ein willentliches Ziel gibt es dabei nicht. Daher gibt es auch keine Entwicklung, die zurück verfolgt werden muss. Da sich alles nur auf der Grundlage der natürlichen Bedingungen entwickelt, gab es auch niemand, der jemals auf etwas Einfluss hätte nehmen können. Alles passiert und passierte einfach von allein, quasi natürlich. Die Zeitachse des realen Menschen implodiert damit zu einem einzigen Punkt. Was Gestern war oder morgen sein wird, spielt heute keine Rolle.

Für einen Volkswirtschaftler ist diese Sichtweise zumindest schwierig. Verhindert sie doch eine Analyse der Handlungen der Wirtschaftssubjekte in der Vergangenheit. Sie sorgt damit immer wieder für zumindest schwierige Ergebnisse. In der Geschichtswissenschaft dagegen ist das Abhandenkommen einer zeitlich relevanten Entwicklung mehr als katastrophal. Denn ohne die Identifizierung einer entsprechende Entwicklung hin zu einem Ergebnis, kann eine Analyse nur falsch sein. Niall Ferguson ist ein geschichtsvergessener Historiker. Eine erstaunliche Kombination!

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Eingeordnet unter Finanzkrise, Neoliberalismus, Niall Ferguson, Reaganomics, Ronald Reagan, USA, Wirtschaft

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